silberhelldunkelweit 2007

Dass man eine Landschaft durchstreifen und erwandern muss, um sie in ihrer Eigenart und Schönheit richtig zu erleben, legten schon Wolfgang G. Bühlers großformatige ungegenständliche Acryl-Arbeiten der späten 90er Jahre mit ihrer Einladung zu einem bisweilen fast meditativen Augen-Spaziergang nahe: Es gab Muster und Proportionen zu entdecken, es gab Farbnuancen und Reliefartiges zu studieren. Die Stille war eines der Geheimnisse der Wirkung dieser Leinwände, und sie ist es auch bei den neuen, kleinformatigen Aquarell- und Tusche/Tinte-Arbeiten auf Papier.

Beibehalten hat Bühler seine lasurtechnikartige Malweise und damit auch seine handwerkliche Sorgfalt. Das bedächtige Schichten der gedeckten Farben gibt seinen neuen "Horizonten" und "Nahtstellen" Tiefe und Weite des Raumes – und Zartheit.

Weshalb hat nun – und für wie lange? – die Klarheit schaffende Horizontale über Irrgartenähnliches, Vexierhaftes und Oberflächenchiffren, wenn derlei Vergegenständlichungen denn gestattet wären, "gesiegt"? Ein Weitererzählen der im 18. Jahrhundert in Literatur und Bildender Kunst sich auf der Suche nach dem "Erhabenen" entfaltenden "Poesie der Berge"? Ein Innehalten des Künstlers auf seinem Lebensweg? Ein neues subtiles Spiel mit dem zu sachter Augenlust aufgelegten Betrachter, dem kleine Entdeckungen genügen, seiner Sinnlichkeit gewiss zu sein? Oder eher eine existentielle Verführung zu einer erneuerten Wahrnehmung der im Realen gegründeten Phantasielandschaft, die der Intuition des Malers entspringt und der Einbildungskraft des Betrachters bedarf?

Weil Himmel und Erde, Ferne und Nähe, Geologisch-Tektonisches und Vegetabiles in diesen menschenwerkfreien Panoramen nicht gänzlich trennscharf gestaltet sind, nötigen sie den Betrachter zu einer zumindest atmosphärischen Standortbestimmung. Und gewiss ist auch, dass Bühlers "sanftes Gesetz" uns im Alltag doch eher rastlose Betrachter vielsträngiger Bilderfluten zum unaufgeregten, ruhigen Anschauen seiner farbzarten Kunstwerke ermuntert.

Wer Aufbrüche und farbliche / seelische Kontraste braucht, den lehren Bühlers Bilder ein ums andere Mal, den Blick schweifen zu lassen, den feinen Zeichen zu folgen und die sichtbaren Spuren des malerischen Arbeitsprozesses mit einer Reflexion des eigenen Erkenntnisprozesses zu honorieren. Wenn dabei das Gefühl fürs Erhabene auf das der eigenen Bescheidenheit trifft, sollten wir der Virtuosität des Künstlers unsern Tribut zollen.

Dr. Jürgen Sandweg